Behutsam, mit hellblauen Handschuhen geschützt, wickelt die Restauratorin ein mehr als 200 Jahre altes Handglöckchen in Papier. Es ist Teil einer vergoldeten Toilettengarnitur von Großherzogin Stephanie von Baden und hat die Inventarnummer 77/56 17. Nun verschwindet es in einer grauen Kiste. Auf die kommt ein QR-Code, damit die Glocke wiedergefunden wird.
Da Baden schon lange nicht mehr von Herzogen regiert wird, kümmert sich um diesen Umzug das Team des Badischen Landesmuseums. Dort war die Glocke bislang zu sehen. Doch weil das Karlsruher Schloss saniert wird, müssen nun sämtliche Ausstellungsstücke verpackt werden. Quasi wie bei einem privaten Umzug – nur alles eine deutliche Nummer größer. «Wir sind ein sehr, sehr großer Haushalt», sagt Direktor Eckart Köhne. Es geht um rund 17.500 Objekte.
Wann ein Noteinsatz nötig wird
Vor dem Verpacken werden sie dokumentiert. Dazu gehört ein Fotoshooting, um frische Bilder von mehreren Seiten zu haben. Digital wird alles katalogisiert, inklusive Erhaltungszustand in den Kategorien «gut», «befriedigend» und «Handlungsbedarf». Blättere etwa von einem Bilderrahmen Gold ab, müsse sofort reagiert werden, erklärt Oliver Morr, der das Referat Restaurierung und Konservierung leitet.
Manche Objekte werden während der Sanierung für mehrere Jahre an andere Einrichtungen ausgeliehen. Andere sollen im Depot verschwinden. Je nach Rolle der Beteiligten sind die Emotionen zwischen Luftpolsterfolie und Stapelboxen daher auch ganz unterschiedlich: Der Restaurator will vor allem für die Nachwelt erhalten. «Da haben wir viel getan», sagt Morr. Der Museumsdirektor hingegen würde lieber ausstellen. Daher sei es für ihn schwierig, räumt Köhne ein. Aber er weiß auch: «Es tut den Objekten immer gut, wenn sie mal in die Hand genommen werden.»
So könne man den Zustand viel besser beurteilen: Textilien etwa könnten mit der Zeit brüchig geworden sein. Auch ein Materialmix sei immer schwierig, sagt Köhne. So seien die Pferdekörper bedeckenden Schabracken aus der sogenannten Türkenbeute zum Teil aus Metall, das nicht zu feucht lagern dürfe, da es sonst roste. Aber auch aus Textilien, die nicht zu trocken werden dürften.
Kurator Lars Petersen hofft auch auf Aha-Effekte: «Bis jetzt kannte ich meine Objekte nur hinter Glas. Jetzt haben wir die Chancen, die Vitrinen zu öffnen.» Auf der Rückseite eines Bildes könnte ein Hinweis auf eine Auktion versteckt sein, nennt er als Beispiel. Oder man könne mit Hilfe moderner Mittel Farbe und Schrift sichtbar machen, die früher verborgen blieben. Manch Objekt werde zum ersten Mal seit Jahrzehnten vollständig in Augenschein genommen.
600 Holzkisten, 800 Paletten – aber keine flüssige Butter mehr
Die Herausforderungen dabei sind riesig: Mal muss aufgepasst werden, dass eine gekittete Marmor-Statue nicht in Einzelteile zerspringt oder zerbröselt. Mal muss ein gläserner Kronleuchter aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts so sicher verpackt werden, dass beim Transport ja nichts kaputtgeht. «Früher hat man das einfach in flüssige Butter gegossen», sagt Köhne. Die wurde beim Auspacken geschmolzen. Das sei heute natürlich nicht mehr angesagt.
Da Holz und Textilien einst mit Pestiziden behandelt wurden, sind laut Köhne Schadstoffe ein großes Thema. Sie hätten sich in den Vitrinen angesammelt und müssten abgesaugt werden. Dabei seien Schutzanzüge Pflicht.
Und weil viele Objekte kein Standard-Format haben, bauen Schreiner rund 600 Holzkisten mit Maßanfertigung. Das Mithras-Relief, dessen einzelne Segmente 1,5 bis 1,8 Tonnen wiegen, soll mit Hilfe eines Krans und Spezialwerkzeugen von der Wand gelöst werden. Am Ende soll das gesamte Inventar auf etwa 800 Paletten möglichst gut zu transportieren sein. Einige stehen schon im Foyer.
Warum Ausmisten keine Option ist
Das 1715 von Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach gegründete Schloss ist seit gut 100 Jahren Sitz des Landesmuseums. Seit Ende September ist es wegen der Generalsanierung geschlossen, die mehrere Jahre dauern soll. Unter anderem sollen Brandschutz, Diebstahlschutz, Barrierefreiheit und Raumluft verbessert werden. Genaue Angaben zu den Kosten gibt es noch nicht.
Richtig losgehen mit den Arbeiten soll es 2028, wie Köhne sagt. Bis dahin werde ausgeräumt. Parallel mache das Bauamt Probebohrungen. Später dann soll die Wegführung durchs Museum klarer, die Architektur sichtbarer werden, die Fenster freier, der Blick auf die Stadt und den Schlossgarten möglich.
Für das Ausräumen sind rund anderthalb Jahre angesetzt. Klingt lang, aber angesichts der Fülle an Aufgaben ist es gar nicht so viel. Daher mahnt Direktor Köhne immer wieder den Zeitplan an. «Eigentlich wollen wir viel lernen, viel untersuchen», sagt er. Dafür sei keine Zeit, Kompromisse seien gefragt. «Man muss das Soll erfüllen, am Ende müssen die Sachen in die Kisten.»
Ausmisten wie bei einem privaten Umzug kommt für den Museumschef dabei nicht infrage: Von einer halben Million Exponaten seien nur etwa drei Prozent ausgestellt, die Highlights. «Da wurde über Generationen aussortiert. Was übrig bleibt, ist das Destillat dessen, was alle für wichtig hielten.»
Von Marco Krefting, dpa
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