Mert Müldür reagierte sehr emotional auf die Niederlage und das Aus in der Gruppenphase.
Eugene Hoshiko/AP/dpa
Mert Müldür reagierte sehr emotional auf die Niederlage und das Aus in der Gruppenphase.
Fußball

«Beschämend»: Frühes WM-Aus für Türkei trotz langer Überzahl

«Wir entschuldigen uns bei unserem Volk», sagte Superstar Arda Güler nach dem folgenreichen 0:1 gegen Paraguay. Auch eine neue Regel, die erstmals zu einem Platzverweis führte, half den Türken nicht.

Kenan Yildiz vergrub sein Gesicht im Trikot, Mert Müldür weinte hemmungslos auf dem Platz. Trotz einer ganzen Halbzeit in Überzahl hat die Türkei das zweite Gruppenspiel gegen Paraguay 0:1 (0:1) verloren und steht schon vor dem Duell mit Co-Gastgeber USA als Gruppenletzter fest. Die erste WM-Teilnahme seit 2002 ist für die Türkei zu einer riesigen Enttäuschung geworden. Früher musste bei dieser XXL-WM nur der kleine Inselstaat Haiti die Rückreise planen.

«Wir sind richtig, richtig traurig. Das ist auch beschämend, wir entschuldigen uns bei unserem Volk», sagte Starspieler Arda Güler von Real Madrid. «Wir sind einfach super traurig. Ich weiß nicht, wie ich von unseren Gefühlen sprechen soll, wir sind ehrlich gesagt alle am Weinen.» 

Ex-Nationalspieler Halil Altintop kritisierte als Experte bei Magenta TV: «Es hat sich ja gar nichts verändert, ob sie jetzt einen Mann mehr waren oder nicht. Das ist erschreckend», sagte er. «Wir haben viel über die individuelle Qualität gesprochen, eine gute Mannschaft. Aber: an Naivität nicht zu überbieten.»

Trainer Montella verteidigt seine Spieler nach zwei Niederlagen 

Trainer Vincenzo Montella stellte sich schützend vor seine Spieler und beklagte das Pech bei zahlreichen vergebenen Chancen. «Wir haben nicht getroffen, aber wir hatten 65 Torschüsse in zwei Spielen», sagte er. «Sie haben ihr Herz und ihre Seele auf dem Feld gelassen. Fußball ist nicht logisch, deswegen ist es das schönste Spiel der Welt. Das bessere Team gewinnt nicht immer.» Schon beim 0:2 gegen Australien war die Türkei ohne eigenen Treffer geblieben.

Im San-Francisco-Bay-Area-Stadion in Santa Clara erzielte Matías Galarza (2. Minute) das entscheidende Tor für Paraguay, das lange nur zu zehnt spielte. Schiedsrichter Ivan Barton schickte Miguel Almirón in der Nachspielzeit der ersten Hälfte vom Platz, weil er sich im Disput mit Gegenspieler Mert Müldür die Hand vor den Mund gehalten hatte. Damit wendete der Unparteiische aus El Salvador erstmals eine bei dieser WM neue Regel an. Paraguay hat nun drei Punkte und kann die K.o.-Runde in der Partie gegen Australien aus eigener Kraft erreichen. Die USA stehen als Gruppensieger fest. 

Paraguay trifft mit erster Chance

Seine Mannschaft wolle auf dem Platz zurückschlagen, hatte Montella nach der von ihm als übertrieben aufgefassten Kritik im Anschluss an das 0:2 zum Auftakt gegen Australien gesagt. Doch die Türkei wurde früh geschockt. Paraguay eroberte den Ball im türkischen Aufbau, spielte Galarza frei und der 24-Jährige traf schon in der zweiten Minute aus gut 20 Metern platziert ins Eck. «Es war völlig verrückt», sagte Galarza.

Die paraguayischen Fans, die Trommeln ins Stadion mitgebracht hatten und damit zunächst den Rhythmus bestimmten, waren begeistert. Die Türkei mühte sich, ins Spiel zu kommen. Ein erster Abschluss von Güler aus aussichtsreicher Position flog weit über das Tor. Nach einer halben Stunde hatten die Türken zwar fast 80 Prozent Ballbesitz, viel anfangen konnten sie damit aber nicht.

Schiedsrichter rückt in den Mittelpunkt

Und Glück hatten sie auch nicht. Nach einem Freistoß setzte sich Müldür im Kopfballduell durch. Der Ball sprang erst an die Latte, dann an den Pfosten - aber nicht ins Tor.

Wie viel auf dem Spiel stand, war im ganzen Stadion greifbar. Immer wieder wurde es hektisch. Schiedsrichter Barton hatte oft Mühe, die erhitzten Gemüter zu beruhigen und stand dann komplett im Mittelpunkt. Nach Ansicht der Videobilder zeigte er Almirón Rot. Durch die neu eingeführte Regel soll diskriminierendes Verhalten verhindert werden.

Mit einem Mann mehr wurde der Druck der Türken immer größer. Das Montella-Team hatte auch Abschlüsse. Es fehlte jedoch entweder die Präzision oder Paraguays Torwart Orlando Gill verhinderte den Gegentreffer. Paraguay verteidigte leidenschaftlich und brachte den knappen Sieg über die Zeit.

Von Thomas Eßer und Maximilian Haupt, dpa
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