Als Kapitän Joshua Kimmich seine WM-Botschaften im klimatisierten Mediensaal verkündet, herrscht rund 500 Meter Luftlinie entfernt ein Mega-Hype um Deutschlands Rekordtorhüter. Rund 1.000 Fans stehen zwei Tage vor dem vorletzten WM-Test der Fußball-Nationalmannschaft gegen Finnland in Herzogenaurach teilweise seit dem frühen Morgen in der Sonne vor einem Adidas-Store an für ein Autogramm oder ein Selfie mit Manuel Neuer.
Als der 40-Jährige schließlich mittags im himmelblauen DFB-Shirt und mit schwarzen Stützstrümpfen zur Schonung der noch lädierten linken Wade erscheint, übertönt der Beifall der kleinen und großen Fans die Party-Musik.
Ein goldener WM-Pokal wird Neuer gereicht
Neuer schreibt seinen Namen am Fließband auf Trikots, Fußbälle und Autogrammkarten. Er lächelt und hat für jeden Fan einen freundlichen Satz parat. Und er signiert einen goldenen WM-Pokal, der ihm von einem Fan gereicht wird - und zwar auf dem Teil, der Südamerika abbildet.
2014 war der Schlussmann des FC Bayern dort mit dem DFB-Team Weltmeister geworden. Bevor sich Neuer nach fast einer Stunde in einem schwarzen Kleinbus zurück in den Homeground fahren lässt, schreibt er auch draußen noch unter dem Jubel der Fans und «Manu-Manu»-Rufen weiter.
Keine Frage: Das Fußball-Comeback des Jahres elektrisiert die Anhänger. Und es stellt exakt zwei Wochen vor dem WM-Startschuss für die DFB-Auswahl zumindest hierzulande alles Weitere in den Schatten.
Kimmich versteht Diskussionen um Neuer nicht
Auch Kimmich wird natürlich auf dem DFB-Podium parallel zu Neuers öffentlichem Auftritt zu seinem langjährigen Bayern-Kollegen befragt. Der 31-Jährige antwortet eindeutig: «Rein sportlich darf es die Diskussion nicht geben, weil wir als Deutschland die besten Spieler dabeihaben wollen. Manu ist der beste Torhüter aller Zeiten! Und immer noch einer der Besten der Welt!»
Unklar ist freilich weiterhin, wann der 40 Jahre alte Neuer nach seinem Rücktritt vom Rücktritt wieder im DFB-Tor stehen wird. Am Sonntag (20.45 Uhr/ZDF) in Mainz wird es das 125. Länderspiel des ehemaligen Kapitäns definitiv noch nicht geben. Dann muss Bundestrainer Julian Nagelsmann noch einmal auf den zur Nummer zwei zurückgestuften Hoffenheimer Oliver Baumann setzen.
100 Prozent Unterstützung für Baumann
«Olli war natürlich enttäuscht. Trotzdem weiß er, dass er die hundertprozentige Unterstützung und auch das Vertrauen der Mannschaft hat», sagt Kimmich. Er war als Kapitän in die Neuer-Entscheidung nicht von Nagelsmann eingebunden worden. «Der Trainer macht ja den Kader, er hat mich nicht danach gefragt.»
Mit einem Geheimtraining und einem Familien-Nachmittag mit Partnerinnen und Kindern der Nationalspieler setzt Nagelsmann die Turniervorbereitung am dritten Tag fort. Die sehr spät vollzogene Rolle rückwärts des Bundestrainers auf der Torwartposition führt teamintern nicht zu widersprüchlichen Debatten.
«Manu macht uns stärker», sagt etwa der Dortmunder Maximilian Beier. Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck, die als Innenverteidiger-Pärchen mit Neuer ein Abwehrbollwerk bei der WM bilden sollen, äußern Begeisterung. «Also ich bin selbst kein Stürmer», sagt Neuers Bayern-Kollege Tah: «Aber ich weiß von vielen, die öfter als ich aufs Tor schießen, dass das auf jeden Fall so ist, dass man sich denkt: Oh, das ist Manuel Neuer!»
Auch der Dortmunder Schlotterbeck ist überzeugt, dass mit Neuer im Tor die Erfolgschancen beim XXL-Turnier in Amerika steigen. «Natürlich hat Manu einen extrem guten, extrem großen Namen. Er hat extrem performt. Er ist wahrscheinlich 'all time' der beste Keeper der Welt.»
Das Problem ist: Neuer befindet sich nach einer Wadenverhärtung, die schon seinen Einsatz im Bayern-Tor beim DFB-Pokalerfolg gegen den VfB Stuttgart verhindert hatte, auch in Franken noch im individuellen Aufbautraining. Bloß kein Risiko lautet mit Blick auf das erste WM-Gruppenspiel am 14. Juni in Houston gegen die Inselkicker von Curaçao die Devise des Bundestrainers.