Ungeplantes Wiedersehen bei der Nationalmannschaft: Angelo Stiller (l) und Bundestrainer Julian Nagelsmann. (Archivild)
Tom Weller/dpa
Ungeplantes Wiedersehen bei der Nationalmannschaft: Angelo Stiller (l) und Bundestrainer Julian Nagelsmann. (Archivild)
Fußball-Nationalmannschaft

Nagelsmanns Rollenspiele durchkreuzt: Stiller als Profiteur

Das hatte der Bundestrainer anders geplant. Gegen die Schweiz und Ghana wollte er die WM-Rollen festzurren und eine Turnierelf einspielen. Doch Ausfälle zwingen Julian Nagelsmann zu Plan B.

Dieses Begrüßungs-Szenario zum Start ins WM-Jahr hatte Julian Nagelsmann wahrlich nicht geplant. Der Bundestrainer konnte im sonnigen Franken nicht die fest für den Turniersommer eingeplanten Mittelfeld-Asse Aleksandar Pavlović und Felix Nmecha in Empfang nehmen, sondern die nachnominierten Stuttgarter Angelo Stiller und Chris Führich. Das VfB-Duo hatte Nagelsmann eigentlich nicht in seinen Rollenspielen vorgesehen.

Doch die Fußball-Realität mit Verletzungen und Absagen, die immer wieder einen Plan B erfordert, holte Nagelsmann im Stammquartier in Herzogenaurach schon vor den Werbeaufnahmen für DFB-Sponsoren und dem ersten Training vor den Länderspielen am Freitag (20.45 Uhr/RTL) in Basel gegen die Schweiz und drei Tage später in Stuttgart gegen Ghana ein. 

«Wenn alle gesund sind, ist der Grundkader relativ gefestigt», hatte Nagelsmann noch vier Tage zuvor bei der Präsentation seines 26-Mann-Aufgebotes in Frankfurt verkündet. Da schmerzte erstmal nur der weitere Verzicht auf ein Comeback von Offensiv-Zauberer Jamal Musiala. 

Das Knie: Nmecha fällt «mehrere Wochen» aus

Einspielen, Gewinnen, WM-Vorfreude schüren - das war der Plan für diese Woche. Doch der wurde 83 Tage vor dem ersten WM-Gruppenspiel gegen Außenseiter Curaçao in Houston durchkreuzt. Startelf-Kandidat Pavlovic sagte wie erwartet wegen Hüftbeschwerden ab; der FC Bayern und die Anfang April anstehenden Champions-League-Duelle mit Real Madrid haben Vorrang. 

Überraschender war die Nachricht aus Dortmund, dass auch Nmecha ausfällt. Der 25-Jährige hat sich beim Heimsieg des BVB gegen den HSV eine Außenbandverletzung im Knie zugezogen und fällt «mehrere Wochen» aus. 

Es könnte bei Nmecha, den Nagelsmann ebenso wie Pavlovic extrem schätzt, im WM-Countdown eng werden mit der benötigen Belastungsfähigkeit und der sportlichen Topform bis zum Start der Turnier-Vorbereitung Ende Mai. 

Vom Doppel-Ausfall im zentralen Mittelfeld profitiert plötzlich ein Härtefall in Nagelsmanns Personaltableau: Angelo Stiller. Der 24-Jährige ist fußballerisch über jeden Zweifel erhaben. Er ist der Denker und Lenker im Stuttgarter Team, was er erst am Sonntagabend beim furiosen 5:2 des VfB beim FC Augsburg nachweisen konnte. Problem: In Nagelsmanns Rollenprofile passt er nicht. 

«Wenn man von Angelo Stiller spricht, ist er ein guter Fußballer mit extrem viel Potenzial, mit einer schon sehr konstanten Leistung», erklärte Nagelsmann bei der Kader-Präsentation. Dann folgte das große Aber: «Er hat bei uns den Konkurrenten mit Pavlo, den ich einfach noch einen Tick vorne dran sehe. Und ich sehe Angelo nicht in der ersten Elf.» Backup aber sei nicht Stillers Ding.

Darum habe er mit seinem Trainerstab entschieden, «die Kaderplätze dahinter anders zu besetzen», sagte der Bundestrainer; mit Routinier Pascal Groß (Brighton) und Rückkehrer Anton Stach (Leeds United). Jetzt sitzt Stiller doch wieder mit im WM-Zug, ebenso wie sein formstarker VfB-Kollege Führich, den Nagelsmann schon vorher «in der Verlosung» hatte, wie er versicherte.

Stiller: Der Bundestrainer macht den Kader

Stiller hatte in Augsburg noch den Ahnungslosen gespielt, was seine Nachnominierung betraf. «Ich war noch nicht am Handy», sprach er in die TV-Kamera. Kritische Worte zur ersten Kaderzusammenstellung Nagelsmanns kamen ihm nicht über die Lippen. «Wenn der Nationaltrainer eine Begründung hat, dann wird sie immer stimmen», sagte er: «Er hat einen Plan. Er weiß, wie er spielen will. So macht er den Kader, so stellt er auf», sagte der fünfmalige Nationalspieler. Auch wenn das «schade für mich ist». 

Schlagartig könnte sich Stillers Position verändert haben. Auch Nagelsmann muss konstatieren, dass Plan B auch beim Turnier jederzeit durch Blessuren oder Sperren eintreten könnte. «Wir haben einen großen Pool von Spielern als Stamm dabei, der sich weiter festigen und aneinander gewöhnen soll», lautete das übergeordnete Wochenprogramm. Das muss er nun modifizieren. 

Ein weiterer Stuttgarter Profi bezog übrigens mit besonders breiter Brust sein Zimmer in den kleinen Holzhäusern des Homeground in Herzogenaurach: Deniz Undav. 

Der Angreifer imponierte in Augsburg als zweifacher Torschütze. Die Top-Quote von nun 18 Saisontoren in der Bundesliga konnte auch Nagelsmann nicht länger ignorieren. «Wenn ich spiele, versuche ich zu glänzen und zu treffen», kündigte Undav an. 

Undavs Tore-Statement und eine Ansage

Sein sechstes und bisher letztes Länderspiel liegt fast zehn Monate zurück. «Es sind sehr wichtige Spiele. Es sind nicht nur Freundschaftsspiele», sagte der 29-Jährige zu den Partien gegen zwei WM-Teilnehmer. Undav sprach wohl auch für seine Vereins-Kollegen Stiller und Führich, als er sagte: «Wir müssen uns anbieten, dem Bundestrainer zeigen, dass wir bei der WM dabei sein wollen. Es ist der letzte Grundstein, der gelegt werden kann.» 

Mitte Mai benennt der Bundestrainer den 26-köpfigen WM-Kader. «Jeder, der hier da ist, wird Gas geben - ich persönlich auch», verkündete Undav entschlossen.

Von Klaus Bergmann und Arne Richter, dpa
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