Julian Nagelsmann ist mit der DFB-Elf bei der WM früh gescheitert.
Christian Charisius/dpa
Julian Nagelsmann ist mit der DFB-Elf bei der WM früh gescheitert.
Fußball-Nationalmannschaft

Schonfrist der DFB-Bosse für Nagelsmann nach «Tiefschlag»

Deutschland ist eine gedemütigte Fußball-Nation. Nagelsmann spricht in den USA noch einmal zum DFB-Team. Das Urteil der Bosse zu seiner Zukunft als Bundestrainer gibt es erst in den kommenden Tagen.

Julian Nagelsmann bekommt eine Schonfrist der DFB-Bosse, aber nach dem demütigenden WM-Debakel in Amerika ist er nur noch ein Bundestrainer auf Abruf. Das Urteil über seine Zukunft ist nur noch nicht gesprochen. Sein eigener Wille zum Bleiben ist nur noch sein Wunsch. Aber: Erst nach dem Heimflug von der gescheiterten Weltmeister-Mission wird die wichtigste und drängendste Personalfrage beantwortet werden.

Vor dem immer noch mit Deutschland-Fahnen geschmückten Teamhotel The Graylyn verkündete DFB-Präsident Bernd Neuendorf zehn Stunden nach dem Turnier-K.o. in einem Video den Krisen-Fahrplan. «Wir können und wollen nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen», kündigte der Verbandsboss an. «Wir sind uns einig, dass das Abschneiden bei der WM nicht unseren Ansprüchen genügt», lautete seine erste knallharte und treffende Turnierbilanz. 

Doch einen Schnellschuss in der Bundestrainerfrage lehnte der Verbandsboss nach einem nächtlichen Krisenmeeting mit Nagelsmann, Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Andreas Rettig ab. Man habe «länger» zusammengesessen.

Das Ergebnis: «In den kommenden Tagen werden wir gemeinsam und in Ruhe die Gründe erörtern, weshalb die Mannschaft ihr vorhandenes Potenzial nicht hat abrufen können und ihren eigenen und den Erwartungen Fußball-Deutschlands nicht gerecht geworden ist», sagte der 64-Jährige. Nach dem Heimflug warten auf Nagelsmann, Neuendorf und Völler also harte Stunden und eine harte Entscheidung. 

Nach der sehr kurzen letzten Nacht im Teamhotel trommelte Nagelsmann die von Paraguay vor den Augen der großen Fußball-Welt gedemütigten Nationalspieler noch einmal zusammen. Er sprach nach dem nächsten großen WM-Versagen ein letztes Mal in den USA zu Joshua Kimmich und Co. 

Schluss nach 37 Länderspielen?

War es seine letzte Rede als Bundestrainer vor seinen Spielern? Die Tendenz am Tag danach war eindeutig. Nagelsmann wird nach 37 Länderspielen kaum Bundestrainer bleiben können.

Nach dem dritten aufeinanderfolgenden WM-Desaster nach 2018 und 2022 deutet sich diesmal ein schneller Cut an. Der dringend notwendige Neuaufbau wird dann wohl in andere Hände gelegt werden. Jürgen Klopp als Top-Kandidat vieler Fans hat ein Interesse in Amerika zumindest nicht dementiert. 

Nagelsmanns Abschlussrede in Winston-Salem war vor dem viel zu frühen Heimflug die traurige Pointe einer völlig verkorksten Amerika-Reise, die beim Elfmeter-Drama mit der Erniedrigung von Foxborough jäh beendet wurde. 

Noch im Kellergang der Football-Arena, die zum nächsten Schauplatz des deutschen Soccer-Versagens wurde, hatte DFB-Chef Neuendorf den Zuruf eines dpa-Reporters, wie es nun weiterginge, sehr knapp beantwortet. «Jetzt fliegen wir erstmal.»

Katar-Erfahrung gibt Hinweise

Aber Neuendorf weiß aus der Erfahrung des Katar-Debakels 2022 und dem damaligen Festhalten an Hansi Flick, dass Nagelsmann kaum zu halten sein wird. Zumal Klopp schon den deutschen Fußball als TV-Experte und seine miserable Lage live aus Foxborough sezierte. 

In drei Monaten geht das Länderspiel-Leben weiter - und das gleich mit einem Prestige-Duell in der Nations League bei den ebenfalls früh gescheiterten Niederländern. Bis dahin müssen viele drängende Fragen beantwortet sein.

Charter statt Champions

Nagelsmanns Argumente sind schlecht. Seinen silbernen Koffer zog er durch den Kellergang der WM-Arena. In der schwülen Abendluft hing der klebrige Duft von Burgern, Bier und Hotdogs. Am Mannschaftsbus, auf den er mit schnellem Schritt zusteuerte, blinkten abwechselnd als Leuchtschrift die Wörter «Academy» und «Charter» - und nicht World Champions.

Der Blick von Nagelsmann war leer und müde. Der Interview-Marathon nach der unfassbaren WM-Enttäuschung hatte dem 38-Jährigen zugesetzt. Gescheitert. Schon wieder viel zu früh. Dramatisch, aber kläglich. Vor allem aber: selbstverschuldet. Die vollmundige Titelansage aus dem EM-Sommer 2024 wirkt wie ein lächerliches Relikt. Aber: Ein Rücktritt kommt nicht infrage. 

Während Kapitän Kimmich mit geradem Kreuz den nächsten frühen WM-K.-o. analysierte, sich bei den Fans entschuldigte und seinen Willen zu neuen Titel-Anläufen verkündete, wirkte Nagelsmann zu angefasst, um das Geschehen über sein eigenes Unglück hinaus einordnen zu können.

Kimmichs echtes Kapitäns-Statement

«Ich werde immer die Power haben für einen neuen Anlauf. Was ich niemals tun werde ist: Aufgeben», sagte Kapitän Kimmich, der auch wie ein Kapitän auftrat. Anders als 2022 in Katar sprach er nicht von einem Loch, in das er fürchte zu fallen. Nagelsmann Abgang war dagegen ein Sinnbild für seine missliche Lage. 

Auch bei der Ankunft in Winston-Salem weit nach Mitternacht ging Nagelsmann wie ein geschlagener Trainer über das Rollfeld des Smith Reynolds Airports. Da kam ein Trainer, der das Feld nicht freiwillig räumt. Egal, wie groß der Sturm der Entrüstung einer schon wieder gekränkten Fußball-Nation auch sein mag.

Nagelsmann betonte in seiner größten Niederlage, dass die Verantwortlichen schon wüssten, welche Qualitäten er als Trainer habe. «Die Argumente liefere ich den Bossen. Jeder weiß, wie ich als Trainer ticke. Jeder weiß, wie meine Art von Fußball aussieht», sagte er. Das klang vor allem trotzig.

Verweis auf Vorgänger Löw und Flick

«Ich bin keiner, der sagt, ich trete zurück, weil wir ausgeschieden sind. Wenn der DFB möchte, dass ich weitermache, mache ich weiter. Und wenn er das nicht möchte, dann muss man mir das sagen», verkündete er. 

Eine Mitschuld? War nicht sein Thema. Stattdessen verwies er auf seine Vorgänger Joachim Löw und Flick, die ebenfalls WM-Schiffbruch erlitten hatten und doch bleiben durften. Deren «Outcome» sei ähnlich gewesen. 

Nagelsmann sprach in einer absonderlichen Wortwahl von Neuendorf, Völler und Rettig, als von den «drei genannten Herren». Diese drei Herren müssen nun handeln. Völler entscheidet jetzt nicht nur über Nagelsmanns Zukunft, ganz sicher steht auch seine Position zur Disposition. Zu eng ist er mit seinem «Wunschtrainer» verwoben. Beide haben einen Vertrag bis nach der EM 2028. 

Kommt die schnelle Trennung?

Nagelsmann weiß, dass er momentan keinen Rückhalt hat, der Kredit nach fast drei Jahren im Amt mit großen Ankündigungen und wenig Ertrag aufgebraucht ist. «Wenn man heute eine Umfrage macht, dann habe ich die nicht», sagte er über die Unterstützung der Fans.

Und das aus gutem Grund. Nagelsmann, der jüngste deutsche WM-Trainer, hat viele Fehler gemacht in den vergangenen Wochen. «Wenn du in der ersten K.o.-Runde ausscheidest bei so einem großen Turnier mit 48 Mannschaften, ist das deutlich zu wenig für den deutschen Fußball», räumte er ein.

Es war die Ironie des Abends, dass in Klopp die allseits als beste Nachfolgeoption titulierte Trainerfachkraft als Magenta-Experte Nagelsmanns WM-Leistung einordnen musste. «Ich verstehe, dass mein Name genannt wird. Aber es ist nicht der Moment. Es gibt dazu nichts zu sagen», sagte der Kult-Coach. Klopp sagte nicht: Nein, danke, ich stehe nicht zur Verfügung. 

Eine Generalabrechnung, die mahnte auch Klopp an. Darauf waren aber auch Nagelsmann und seine Spieler selbst gekommen. Denn die Mängelliste des deutschen Fußballs ist unfassbar lang.

Von Arne Richter und Klaus Bergmann, dpa
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